Delhi
Im Jahr 2000, nach monatelangem Aufenthalt in Sulawesi, Sumatra und Thailand, exzessivem Tauchen und Schnorcheln, und abschließend zwei Wochen Bangkok, kehren wir zurück nach Indien. Nach sechs Monaten auf kleinen Inseln ohne jeden Luxus, sind wir gern mal wieder im modernen Bangkok.
Wir haben mächtige Muskeln und Burstkörbe vom Freediving, als ich As muskulösen Körper bewundere (ich weiß ja wie schnell er in Indien wieder zum Strichmännchen wird), meint er nur: „Ich wünschte mir ein paar Muskeln mehr im Gehirn.“
Wenn wir von Thailand nach Indien fliegen, kaufen wir vorher immer viel ein, Dinge, die man in Indien nicht bekommt, z. B. Müsli, gute Oats, auch sind Gummilatschen und Klamotten einfach stabiler.
Morgens sortieren wir all unsern Krempel: was bleibt hier, was muss mit; packen alles was wir hier lassen wollen in die große Plastiktasche und bringen sie zur „Mama“ ins Apple-Guesthouse. Mittags Rohkost bei unserem „Mann“, danach gewaschen, Besorgungen gemacht, Tickets abgeholt, Film endlich weggebracht – C…
Abends runter zum Fluß: hier ist es immer etwas kühler. Wir setzen uns auf eine freie Bank und essen mitgebrachte Hühnerbeine und Sticky Rice. Die kaputte Pearl Jam Cassette gegen Nirvana und Pink Floyd umgetauscht: nachts hören wir sie gemeinsam – irre Abfahrten, später Müsli mit Kokosmilch gegessen, dazu Kaffe (sehr lecker). Ich bin traurig, wiedermal Abschied nehmen zu müssen – und das Packen steht uns noch bevor: das hasse ich am Reisen, das saublöde Einpacken – während ich sehr gerne auspacke!
Die Abreise rückt in greifbare Nähe; spätestens um 14 Uhr müssen wir den Airportbus erklimmen. Es ist 5 Uhr früh, A sitzt am Schreibtisch und schreibt an M, der es wieder mal schlecht geht – nach durchwachter Nacht und das Packen im Nacken muss es besonders schwierig sein; wir wissen noch nicht mal, ob wir alles unterkriegen und um 12 Uhr ist checkout-time. Wir sind erstaunlich gelassen. Erstmal geht’s nach Dhakar und dort können wir uns ausschlafen, haben ja knapp 30 Std. Aufenthalt. Bin mal gespannt, was sie uns für ein Hotel zuweisen und wie das Essen sein wird. Natürlich haben wir, wie eigentlich immer, Übergewicht (viel zu viele Bücher, zusätzlich noch 3 ½ kg Müsli und 2 kg Oats, mehrere Flaschen Shampoo, Conditioner etc.). Unser dreckluftiges geliebtes, gehasstes Bangkok zu verlassen, fällt uns wie immer nicht leicht, doch auch ein bißchen Vorfreude auf Indien ist da. Schon allein der Gedanke, in Delhi nicht diese fettwanstigen deutschen BiersäuferInnen zu treffen, ist sehr beruhigend; auch sind unsere geliebten, gehassten Inder doch ein ganz besonderer Menschenschlag. Wie sagte doch der Ire, den wir auf Ko Surin getroffen haben und der vor bald 30 Jahren Indien besuchte: „Ich weiß nicht genau, was es mit Indien auf sich hat, da ist so eine Art Magie – unbegreiflich, unfaßbar packt sie einen.“
Auch den Tagen, die anstrengend, vollgepackt mit Arbeit und Streß sind, muss man etwas abgewinnen, genau beobachten; es ist ja schließlich unsere Lebenszeit, die auch nur geliehen ist und wir müssen sie zurückgeben. Jeder Tag ist ein Geschenk! So sollten wir es sehen, oft und oft gelingt es einem nicht; doch durch unsere Reisen haben wir es ein wenig gelernt. Hätten wir Karriere gemacht, selbst unter besten Bedingungen, wären wir mit Sicherheit, wie so viele andere, schon tot, trotzdem wir noch lebten. Unser Geist ist wach und lebendig, unsere Liebe ist gewachsen. Niemals das Gefühl der Langeweile oder Ödnis miteinander – das ist das größte Geschenk. Dankbarkeit und Bescheidenheit üben ist ein Muss für uns!
Nach dem Frühstück Packen – kurz vor 13 Uhr sind wir fertig: A. holt noch die Dias und Chicken mit Rice. Um 13:40 Uhr stehen wir an der Bushaltestelle und müssen bis ¼ nach 2 warten bis der Flughafenbus kommt. Ziemlich rasch sind wir am Flughafen – dort geht alles glatt, knapp 10 kg Übergewicht werden nicht moniert, auch der Spirit wird nicht entdeckt. Gut 2 h Flug bis Dhakar, hier gibt es eine Überraschung, wir können schon heute um 22:45 Uhr nach Delhi weiterfliegen. Wir kriegen einen Bon fürs Dinner und die Bordkarten. Stundenlanges Warten (der Flug hat Verspätung) – ich sacke immer wieder weg, während A schon richtig schläft. Kurz nach Mitternacht fliegen wir endlich los.
2:30 Uhr Delhi: das Gepäck kommt schnell und ist wohlbehalten! Das übliche Gekappel zwischen uns: Taxi oder Bus, etc. – wir nehmen den Bus für 50 Rp. each und sind – bei fast leeren Straßen – schnell am N. D. Railwaystation. Wir schleppen unser Gepäck über die Brücke auf die ander Seite und fahren für 15 Rp. (der Fahrer war sehr anstellig und hat beim Be- und Entladen geholfen) zum S. R. Palace. Das Hinkebein hat wie immer 24h-Dienst, erkennt uns auch wieder, hat aber leider nur ein Zimmer ohne Bad, gegenüber der Rezeption frei, versichert uns jedoch, dass um 8 Uhr Nr. 4 frei würde (mittlerweile ist es 4:30). Wir waschen uns nur notdürftig, trinken noch einen Kaffee, essen ein paar Kekse und legen uns nieder. Um 10 Uhr ziehen wir nach oben ins Zimmer Nr. 4 – unser altes Zimmer Nr. 7 mit Balkon ist leider besetzt. Wir kochen erstmal Porridge und richten uns dann ein. Zwischendurch beobachte ich noch eine Moslemhochzeit und rede mit einem 22-jährigen Rajasthan-Inder, der in Frankreich lebt und in Indien Urlaub macht – ziemlich symphatisch und tiefsinnig. A holt uns zum Lunch Bratkartoffeln, Samosae und Biskuit. Wir schlafen die meiste Zeit, gehen nicht mehr raus.
Nachdem ich – mit Unterbrechungen – fast 20 Std. geschlafen habe, erhebe ich mich um 9 Uhr mit dröhnenden Kopfschmerzen, dicken Mandeln, Krankheitsgefühl, nichts Neues für Delhi, doch so schnell ist es noch nie gekommen, sonst brauchts meistens 5 Tage Delhi, bis einer von uns krank wird. Wir frühstücken, turnen, duschen … A holt zum Lunch wieder Bratkartoffeln, Samosae und Biskuit, später holt er mit dem Boy die riesige Blechbox, die wir hier zurückgelassen hatten: es ist alles in Ordnung! Es wird schon den 2. Tag Abend und ich war immer noch nicht draußen. Ich fühle mich schlapp, schläfrig und krank – wahrscheinlich die Klimaumstellung. Welche Klimaumstellung? in Bangkok war die Temperatur ähnlich, die Luft auch nicht viel besser. Der Junge (den wir unter uns liebevoll Hinkebein nennen, da wir uns seinen Namen nicht merken können: er hat ein kürzeres, leicht verdrehtes Bein), der schon lange hier arbeitet, wirkt so abgenutzt, ich könnte nicht sagen wie alt er eigentlich ist, er hat fiebrig gänzende Augen, eingefallene Wangen und hustet bedenklich; er hat kein Recht auf Schlaf, wann immer es klingelt (Tag und Nacht) rennt er die Treppen rauf und runter! Der kleine Nepali (vielleicht 14-jährig), der so gut die großen Rucksäcke tragen konnte, ist fort. Laut Hinkebein ist er zurück nach Nepal: „very small but very clever“, meint er bewundernt – wahrscheinlich wäre er auch gerne fort. Die Cleanerboys schlafen unten – vor der Rezeption – auf dem Boden, sie haben keinen Fleck, wohin sie sich zurückziehen könnten. Delhi bringt einen auf den Boden zurück: wieder diese sonderbare Melancholie. Für viele viele Menschen gibt es keine Hoffnung – sie hoffen wahrscheinlich für ihre Kinder oder gar Enkelkinder. Die Inder sind völlig anders als die Asiaten (ich empfinde sie nicht als solche), wir fühlen uns ihnen sehr verbunden, nach all den Jahren, die wir schon in Indien verbracht haben, den Thais sind wir nie wirklich näher gekommen.
Abends ins Light-Restaurant: am Anfang schmeckt Rice, Dahl, der grobe Spinage und Chapati noch ganz gut, wenn man es oft genug gegesessen hat, hängt es einem zum Hals raus – kaum zu Hause, schlafen wir wieder ein.
Sherry sagte,
März 5, 2011 um 9:23
Liebes Bibbche…
Dein Schreibstil hier ist so anders. Du schreibst so unkonventionell, frei. Teils fasziniert über die Zeit, teils gelangweilt oder manchmal auch überfordet beim Versuch, diese Zeit in Worte zu fassen. Mir gefällt diese Mischung. Sie passt zu der Unfassbarkeit Indiens. Was liebst und vor allem hasst Du an diesem Land so? Das wollte ich Dich immer schon fragen.
bibbche sagte,
März 5, 2011 um 21:51
Indien hat mich immer und immer wieder beeindruckt, sonst wäre ich nicht so oft dorthin gereist. Es hat für mich eine Faszination, die sich genauso wenig in Worte fassen lässt wie z. B. ein Magic-Mushroom-Trip. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich das 1. Mal in Indien war, ich wollte damals für immer dort bleiben, und als ich zurück nach Berlin kehrte, kamen mir die Menschen sooo verbittert vor, und mir war klar, dass die Inder etwas besitzen, was wir, die Deutschen, nicht haben.
Wenn ich dann länger in D war, ist immer das arme Indien in den Vordergrund getreten, die ganzen Missstände, und ich war oft im Zweifel, ob ich wieder nach Indien reisen soll, manchmal bis zum Abflug. Doch kaum war ich da, war ich ganz sicher, dass ich hier richtig bin… Ich bin ziemlich sicher, dass es mir jetzt, nach zehn Jahren Abwesenheit, genauso ergehen würde.
Wir haben oft über die Inder geläster, da sie ganz schön nerven können, und irgendwann redeten wir nur noch von unserem “geliebten gehassten” Indien.
Zu dem Schreibstil: der Text ist überwiegend aus meinem 300-Seitigen Reisetagebuch, das ich auf unserer letzten Reise geführt habe und gerade mal wieder vorgeholt habe.
Sherry sagte,
März 6, 2011 um 2:43
Was empfandet Ihr an den Indern denn so als nervig? Stimmt es, dass Inder wenig neidisch sind? Dass sie trotz der Armut irgendwie glücklicher sind? Dieses Volk wirkt oft sehr weise auf mich. Immer, wenn ich mich mit indischer Philosophie beschäftige, merke ich, wie unglaublich tief sich diese Richtung mit dem menschlichen Sein befasst hat.
Ich kenne Indien leider nur aus Bollywood-Filmen. Ich habe mich in die Farben verliebt, in die schönen Hüften und Tänze der Frauen. Ich wollte schon immer dahin. Immer. Aber ich hatte noch nie die Gelegenheit. Und wenn, dann würde ich vermutlich zu den “fetten Turisten” gehören, weil alles andere, dafür wäre ich zu unbeholfen, zu feige, zu ängstlich. Wo soll ich hin? Wo soll man anfangen? … Die wichtigsten Wörter auf “indisch” (ich weiß, es gibt viele Sprachen) klingen gleich wie persisch. “Eshgh”, “Khoda”, “Aseman”, “Divaneh” … Unsere Sprachen sind sehr verwandt. Aber verstehen tu’ ich nur ein paar Wörter.
Sag’, Bibbche, warum fliegt Ihr nicht wieder hin? Warum seid Ihr soviele Jahre schon abstintent? Wovor hast Du Angst?
Fragen über Fragen…
bibbche sagte,
März 6, 2011 um 21:32
Da gibt es wirklich viel, was einen nerven kann: z. B. auf der Bank, zuerst finden sie dein Visum nicht, der Pass wird von allen Seiten studiert und an andere weiter gereicht, schließlich suchst du ihnen das gültige Visum raus, Post, Bahn z. T. kaffkaesk. Dann das ständige Anstarren oder Anrempeln, die nervigen immer gleichen Fragen: bist du verheiratet, hast du Kinder, was verdienst du, was esst ihr etc.pp.
Man muss natürlich dazu sagen, dass wir wie die einfachen Leute gelebt haben, 3. Klasse gereist sind, was immer ein Erlebniss ist: mit dem Zug von Delhi nach Madras, ca. 40 Std. (bedeutet auch 40 Std. angestarrt zu werden), 3. Sleeper bedeutet 6 schmale Pritschen, jeweils 3 übereinander, am Tag werden sie hochgeklappt, und zu den jetzt 6 Personen kommen mindestens nochmal soviele dazu, die Fenster sind offen und wenn man ankommt sieht man aus wie ein Schornsteinfeger. Wenn es möglich war, haben wir die zwei oberen genommen, so kann man auch am Tag liegen bleiben, obwohl es dort oben, trotz ständig ratterndem Van sehr heiß wird, naja und bequem ist es auch nicht, da es keinerlei Bedding gibt und das Gepäck hat man auch noch unter den Beinen und/oder Kopf, dazu kommt, dass alle 10 Minuten mit lautem Singsang jemand Tee, Erbsen, Nüsse, Gurken, Palstiksachen u.v.m anpreist.
Auf unserer letzten Reise sind wir nur 1. AC gereist, dort gibt es nur 4er oder 2er Abteile, es geht sehr ruhig zu, man wird kaum angequatscht, die Liegen sind größer, abends kommt ein Bediensterer und macht die Betten, man wird mit relativ gutem Essen versorgt, und niemand hat Zutritt, der kein Ticket hat, also man kann beruhigt sein Gepäck unter die Bank schieben. Es gibt sogar heiße Duschen und am Zielort kommt man sauber und ausgeruht an – ist allerdings auch ziemlich teuer.
Zu den Sprachen: wir haben mal angefangen hindi zu lernen, doch im Süden hat uns kein Mensch verstanden. Englisch ist die Schul- und Amtssprache, also selbst die einfachen, ungebildeten Leute können etwas englisch, also kommt man damit sehr gut durch. Da die Deutschen oft sehr schlecht englisch sprechen, haben mich die Inder immer wieder gefragt, ob die keine Schule besucht hätten. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass wir in der Schule deutsch reden.
Ich bin lieber in Südindien als im Norden, das Essen ist besser, die Menschen sind freundlicher, man wird weniger krank.
An’s Karma glauben, hat natürlich Vorteile, man macht sich nicht selbst für sein Unglück verantwortlich.
Alexa Kaufhof sagte,
März 7, 2011 um 15:36
Ähm, der letzte Satz stimmt aber, glaub’ ich, in dieser Form nicht so ganz.
http://de.wikipedia.org/wiki/Karma
bibbche sagte,
März 7, 2011 um 22:26
Man ist natürlich blöd, ich meinte die Inder, die ich kennen gelernt habe.
Ich weiß was Karma bedeutet, vielleicht wissen es die Inder oftmals nicht…
Jedenfalls glauben sie nicht daran, dass sie verantwortlich sind, für die Lebenssituation in der sie stecken, und hoffen gelassen aufs nächste Leben, erklären alles und jedes mit ihrem Karma, was immer sie darunter verstehen!
Sherry sagte,
März 11, 2011 um 22:56
das hört sich total abenteuerlich an. ich glaube, ich würde die ganze zeit total rumnörgeln. dennoch muss es ja einige dinge geben, die euch tief beeindruckt haben. konntest du das jemals in worte fassen? diese karma-geschichte… ich habe letztens eine art aufsatz von einem “dada” gelesen. er sagt einfach “egal, was dir negatives widerfährt, du bist es selbst schuld. nichts ist ungerecht. du hast eben im vorherigen leben irgendwas angestellt. nimms einfach hin.”
ich weiß nicht, mir gefällt der gedanke auch nicht. andererseits ist die hinnahme von unveränderlichen dingen der erste schritt zur echten weisheit. aber wenn man anfängt, alles hinzunehmen… dann ist das einfach nur resignation.
Sherry sagte,
März 12, 2011 um 19:01
Japan….
((
bibbche sagte,
März 12, 2011 um 21:30
Wir sind gerade vom spontanen Trauermarsch zurück gekommen, rund 1.000 Menschen haben sich beteiligt.
Wir sammelten uns am Alexanderplatz und liefen zum Kanzleramt. Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, durfte man noch seine Betroffenheit in ein Mikro sprechen. Eine junge Mutter mit Kleinkind sagte unter Schluchzen: “Als der Supergau in Tschernobyl passierte, war ich ein Kind, und jetzt, 25 Jahre später habe ich selbst einen Sohn, und es droht erneut ein Supergau. Ich frage mich, was muss denn noch passieren, damit das Profitdenken endlich aufhört und an die Menschen gedacht wird?”
Falls es Dich interessiert, hier unser Bericht…
Sherry sagte,
März 13, 2011 um 9:09
Ich hasse diese Welt. Genauso läuft das auch mit der Waffenlobby. Sogar in der Pharmaindustrie. Scheiß Merkel muss unter Druck gesetzt werden. Es müssen mehr Leute auf die Straße!