Unverdautes II
Fortsetzung Unverdautes
Nachdem auch A weg ist, versuche ich zu schlafen, ist auf der so genannten Wachstation fast unmöglich (jedenfalls in diesem Krankenhaus): ein riesiger Saal mit bestimmt 30 Betten, alle belegt, Männer und Frauen. Die Intimsphäre nur durch dünne Trennwände geschützt, und fast stündlich wird jemand neues reingeschoben, außerdem kommen ständig Besucher.
Ein junger Pfleger stellt sich mir vor und fragt mich, ob ich ein Schmerzmittel will. Ich habe keine großen Schmerzen und will keins, doch nachdem er mich viermal gefragt hat und noch anfügt, dass ich dann auch schlafen könnte, sage ich o. k. Bevor er mir die Spritze gibt, vertraut er mir noch an, dass er intravenös eigentlich noch gar nicht spritzen darf, aber wegen Personalmangel es schon ne ganze Weile machen würde. Ich habe ein ungutes Gefühl, als er die Spritze ansetzt, frage aber nicht mal was er mir eigentlich gibt.
Er sagt mir noch, dass er viel zu tun habe und macht mich auf eine Klingel direkt über meinem Kopf aufmerksam, die ich benutzen soll, wenn irgendwas sei. Es dauerte, jedenfalls in meiner Erinnerung, nur Sekunden, mir wird glühheiß, ich will rufen, sehe ja den Pfleger noch von hinten, doch es geht nicht, will zur Klingel greifen, doch mein Arm scheint gelähmt, will mich aus dem Bett werfen, um so seine Aufmerksamkeit zu erregen, doch mein ganzer Körper ist gelähmt – dann bin ich weg.
Um mich ist alles in grelles orangerotes Licht getaucht, es ist unerträglich heiß, ich denke, so ist es also in der Hölle. Ich bin nicht sicher, ob ich tot bin, jedenfalls soll ich mich vor irgendjemand rechtfertigen, doch ich bin ganz sicher, dass ich diesen Zustand bis in alle Ewigkeiten ertragen muss, und ich das nicht aushalten kann. Mir fällt ein, wann ich wen ungerecht behandelt habe.
Ich kann mich nicht an den Unfall erinnern, denke ich wäre gestürzt oder erstickt. Dieser Zustand jedenfalls ist so unerträglich, ich bete, winsele, dass ich das nicht aushalte, dass ich mich total ändern werde, alles besser machen, ja ein guter Mensch werden wolle, wenn ich nur weiterleben darf, wenigstens noch ein bisschen. Ich versuche mich zu bewegen – geht nicht, und ich denke: selbst wenn ich völlig gelähmt bin, will ich nicht sterben, ich kann ja noch denken. Und immer wieder : ich will nicht tot zu sein!
Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt, ich kann auch nicht mehr fühlen, wie es war (was ich lange Zeit konnte). Irgendwann sehe ich eine junge Frau, die mir bekannt vorkommt, ich lasse sie nicht aus den Augen, doch leider entfernt sie sich von mir, und eine männliche Stimme (wohl der Dienst habende Arzt) sagt: „Sie sind ja wieder aufgewacht!“ Ich bin völlig verwirrt, sage: „Bitte, bitte die Frau dort soll kommen, ich kenne sie doch, sie soll nicht weggehen.“ „Jaja, sie bleibt noch ein bisschen, doch sie hat eigentlich schon längst Feierabend, ist nur wegen ihnen noch hier. Sie darf eigentlich nachts gar nicht arbeiten, sie ist noch Schwesternschülerin.“
Wenn ich die sehen kann, muss ich ja noch leben, denke ich und stammele immer wieder: „ich kenn die doch!“
Der Arzt meint: „Sie haben uns ja ganz schön in Atem gehalten, sie hatten einen Herzstillstand (ich weiß nicht mehr wie lange), sie waren ne ganze Weile an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen bis sie wieder selbstständig atmeten, passen sie auf, dass sie den Draht nicht rausreisen, der läuft durch die Vene zu ihrem Herzen.“ Jetzt höre ich auch das Fiepen: ich bin wieder völlig verkabelt inklusive 2 Tropfs. Ich hab ein schreckliches Gefühl in der Nase und mir ist entsetzlich heiß – ich frage den Arzt, ob er mir mal die Nase putzen könnte. Der Arzt fragt mich noch, ob ich mich denn nicht erinnere, dass ich einen Unfall gehabt hätte, im Moment könnte meine Nase nicht geputzt werden. Ich frage ihn ob ich denn nicht gelähmt sei, und denke gleichzeitig: Hauptsache ich bin nicht tot, ich will ein guter Mensch werden, ich werde alles alles anders machen. „Bewegen Sie doch mal ihre Beine oder Arme“, sagt der Arzt, und ich bin wirklich baff, es geht. Er sagt mir noch, dass ich jetzt vorläufig auf der Wachstation bleiben müsse, meine Herzfrequenzen würden aufgezeichnet, außerdem laufe mir ständig Liquor aus der Nase, und es bestehe der Verdacht, dass es Gehirnwasser sei, ich dürfte auf gar keinen Fall aufstehen. Ich war mit allem einverstanden, fragte ihn nur noch, ob man mir dieses langärmlige OP-Hemd mal ausziehen könnte, da ich die Hitze kaum noch ertragen konnte. Er holte eine Schwester, die mir das Hemd runterzog und die Decke zurückschlug – eine wahre Erleichterung. So fand mich dann die Nachtschwester, barbusig auf der Wachstation. Es war natürlich nicht die zarte Dicke!
Keifend stürmte sie auf mich zu: „So geht das auf keinen Fall, sie können doch nicht nackt hier liegen“, und schon wurde ich wieder in das steife, heiße Hemd gestopft.
Anderntags erklärt mir der Arzt, es handele sich hier wohl um eine Schmerzmittelunverträglichkeit, und ich solle einen Zettel bei mir führen: Bei Fortralgabe Herzstillstand, am besten in meinem Personalausweis. Ich weiß bis heute nicht, ob das die richtige Erklärung für meinen Fasttod war.
Nein, es ist mir nicht gelungen, dies richtig zu erzählen – es war viel schlimmer… Ich habe etliche Male angefangen zu schreiben und wieder abgebrochen, da ich wusste, es wird mir nicht gelingen.
Euphorie
Seit gestern geht’s mir sehr gut: das ist das Gute am manisch depressiv sein – die Abwechslung von Hochs und Tiefs, und solange die Hochs auch kommen, will ich mich mit den Tiefs abfinden!
Heute liebe ich nicht nur meinen Liebsten sondern auch ganz besonders mich…
Unverdautes
Nein, wie erwartet geht es mir heute nicht besser, ich stehe schon wieder kurz vorm Ausrasten, habe schon geheult, mich bei A beschwert – alles nützt nichts. Doch wenigstens habe ich eine Erklärung, ist doch ganz einfach: es ist der jährlich wiederkehrende Novemberblues! Hauptsache man hat eine Bezeichnung für seine Krankheit, doch wo bleibt die Medizin? Beim Frühstück fällt mir ein, dass ich letzte Nacht sehr realistisch von meinen Unfall geträumt habe, der schon 30 Jahre zurückliegt, und mir ist aufgefallen, dass ich schon lange nicht mehr daran gedacht und noch nie darüber geschrieben habe.
November 1979
Ich schlage die Augen auf, offenbar liege ich auf dem Boden, über mir dicht an dicht entsetzte Gesichter mit aufgerissenen Mündern. Ich will aufstehen, will fragen, was los ist, da kommt ein junger Typ, kniet sich neben mich, fast mich fest an und drückt etwas auf meine Nase, fragt mich, ob ich Schmerzen habe, dass er bei mir bleibe, gleich ein Krankenwagen käme, er redet die ganze Zeit in beruhigendem Tonfall auf mich ein und fast mich dabei an. Ich sehe die anderen Menschen, die mit den offenen Mündern nicht mehr, ich schaue nur ihn an. Nein, ich habe keinerlei Schmerzen! Ich glaube, es war doch anders, er muss als ich zu mir kam schon bei mir gewesen sein, da Heide mir später erzählte, dass der Taxi fahrende Medizinstudent unsere Höllenfahrt gestoppt habe, sie darauf aufmerksam machte, dass ein Mensch am langen Schal hinter ihrem Käfer hergeschleift würde.
Ich frage ihn wo Heide sei, die komme gleich, meint er und würde mit ins Krankenhaus fahren – doch sie kommt nicht. Lange Zeit hatte ich sein Gesicht im Gedächtnis, jetzt ist es weg. Gerne hätte ich mich bei ihm bedankt!
Mit tatütata kommt die Feuerwehr, treibt erst mal die Menge auseinander, die nur störrisch Platz macht. Ich werde routiniert auf eine Trage gelegt und ins Auto gebracht. Einer steigt hinten mit ein, ich frage ihn, ob meine Freundin nicht mitfahren würde. Er meint: „Ne, die will nicht, sitzt heulend in ihrem Auto.“ Sie stellen wieder das ohrenbetäubende tatütata an und brausen los, der Typ guckt mich immer wieder entsetzt an. [In der Zeitung, ich weiß nicht mehr in welcher, wurde er zitiert: " Ja es war schrecklich, ihr Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt." Ich kann es nicht beurteilen, habe mich ja nicht gesehen, weiß auch nicht, ob der Typ das überhaupt gesagt hat]
Jetzt fällt mir auch ein, was vor meinem Aufwachen war: ich wollte. wie jeden Tag nach dem Frühdienst (ich habe damals als Datenerfasserin bei der BfA im Schichtdienst gearbeitet) A im Weddinger Krankenhaus besuchen, der dort mit einem Kieferbruch lag. Wir kannten uns gerade mal knapp sieben Wochen, und drei davon lag er schon im Krankenhaus. Normalerweise fuhr ich schon von Heidelberger Str. mit der U-Bahn, doch heute meinte Heide: „Ich kann dich doch bis Berliner Str. mitnehmen, dann brauchst du nicht umsteigen.“ Heide war, bevor ich A kennen lernte meine Geliebte, wir haben auch ne Weile zusammen gewohnt, doch jetzt waren wir nur noch Freundinnen. Sie war immer noch eifersüchtig, ich hatte mich unter vielen Tränen und Drohungen ihrerseits, sie würde sich das Leben nehmen, ganz langsam von ihr getrennt.
Also, wir redeten noch ein bisschen im Auto dann stieg ich aus. Es war der 28. November, ich trug eine sehr dicke Jacke mit langen Wollfransen (war damals absolut hip) und einen sehr langen Häkelschal mit Knoten an den Enden, den ich mir mehrmals um den Hals geschlungen hatte. Wir verabschiedeten uns, ich stieg aus, schmiss, schon dem Eingang der U-Bahn zugewandt, die Tür zu, und Heide fuhr mit einem Ruck an, und ich merkte, es geht nicht weiter, der eine Knoten des Schals war in der Tür eingeklemmt: ich wollte zum Auto rennen, den Schal vom Hals wickeln, doch es ging alles viel zu schnell, ich spürte den Aufschlag nicht, war G. s. D. sofort bewusstlos.
Später als ich den Tathergang der Polizei schildern musste, wurde ich immer wieder gefragt, ob Sie sich noch mal umgedreht hätte, ehe sie losfuhr. Nein, hat sie nicht, doch das habe ich den Bullen nicht erzählt.
Die Feuerwehr steuerte das nächstgelegene Krankenhaus an, das Nonnenkrankenhaus, das ich schon kannte, weil mein Schwager und damals bester Freund Axel lange mit einer Hepatitis C dort lag.
Was jetzt folgte, war sehr beunruhigend: Pfleger und Schwestern kamen angerannt, als sie mich in Augenschein nahmen, rissen auch sie entsetzt die Münder auf, eine Schwester sagte sogar: Ach du großer Gott! Ich wurde in einen Saal gebracht und ausgezogen, es war jetzt eine Ärztin dabei, die fragte, ob sie meine Jeans aufschneiden dürften, da die hauteng waren. Die Ärztin machte auf mich einen aggressiven Eindruck, als sie bei der Unterwäsche waren, meinte sie, na den dreckigen BH können wir ja auch kaputt schneiden, und schnitt ihn mit der großen Schere seitlich auf und riss ihn mir regelrecht vom Leib. Ich erinnere mich noch genau, ausgerechnet an dem Tag trug ich einen sehr alten, weißen, schon leicht grauen BH (natürlich war er frisch gewaschen), es war mir so peinlich, am liebsten hätte ich geheult. Ich wurde noch gewaschen und in einen OP-Saal geschoben, der Arzt, der dann kam, meinte: Ach du meine Güte, was sollen wir denn da machen, da fehlt ja ein Stück von der Nase, ne da weiß ich auch nicht weiter, Prof. ? (ich habe wahrhaftig seinen Namen vergessen, doch sein Gesicht habe ich noch gut in Erinnerung) muss her. Die Ärztin meinte, dass der aber keinen Dienst heute hätte. „Egal, ich rufe ihn an“, sagte der Arzt.
Was jetzt beim Warten in meinem Kopf vor sich ging, kann man sich vielleicht vorstellen, ich dachte mein ganzes Gesicht ist zerstört und ich dachte an A, wir waren frisch verliebt, und dass er mein Gesicht so schön fand und ganz besonders meine Nase, die mir immer zu groß vorkam, und dass alles zu Ende sei, wir auch jetzt bestimmt unsere Reisepläne nicht umsetzten könnten.
Doch ich brauchte nicht lange warten, mit stürmischen Schritten, schlohweißen Haaren, hageres aber sehr freundliches Gesicht, kam der Prof. auf mich zugeeilt, wollte nichts von Arzt und Ärztin hören, begrüßte mich, fasste mir ins Gesicht und meinte: das kriegen wir schon, ist alles kein Problem. Er streichelte mich und sagte: Du kriegst jetzt eine Spritze und ruhst Dich schön aus, und wenn Du aufwachst ist alles überstanden. [Da ich so zierlich war, dachten alle ich wäre noch nicht erwachsen, dabei war ich schon 23] Den Prof. habe ich sofort geliebt, später hat er mich mehrmals täglich besucht, obwohl er Chefarzt und ich keine Privatpatientin war.
Als ich aufwachte, war es stockfinster, ich konnte nichts sehen, und ich dachte: jetzt bist du auch noch blind. Doch es war sofort eine zarte Stimme zu hören und eine warme Hand auf meinem Arm. „Ich bin die Nachtschwester, machen sie sich keine Gedanken, wir mussten ihre Augen mit verbinden, da wir sonst die Nase nicht richtig hätten stützen können, ich bleibe bei ihnen, sagen sie mir, wenn ihnen schlecht ist.“ Mir war kotzübel, ich hatte ja üppig in der Kantine der BfA gegessen, doch ich hatte keinerlei Schmerzen, und so kotzte ich immer wieder in die mir hingehaltene Schale. Die Schwester meinte, ich müsste jetzt unbedingt probieren zu pinkeln, wegen der Narkose. Ich probierte es, doch es ging nicht. Sie meinte noch, wir warten noch ne Weile, probieren sie es immer wieder, wenn es gar nicht geht, muss ich ihnen einen Katheder legen. Über Stunden probierte ich es immer wieder, doch es wollte nicht gehen. Die Schwester hatte viel Geduld, doch irgendwann sagte sie: ich muss ihnen jetzt einen Katheder legen, dass ist ziemlich unangenehm, doch ich mache es so vorsichtig wie möglich, und das machte sie auch, ich habe fast nichts gespürt. Sie war sehr lieb und da ich nicht schlafen konnte, blieb sie meistens bei mir, redete mit leiser Stimme: „Morgen machen wir den Verband ab, und dann können sie auch wieder was sehen, alles wird wieder gut.“ Jedes Mal, wenn sie vorbei kam strich sie mir ganz sacht über einen Arm.
Morgens, bevor sie mir den Verband entfernte, warnte sie mich: „Kriegen sie jetzt keinen Schreck, ich sehe bestimmt ganz anders aus als sie denken“, und sie hatte recht, nach ihrer Stimme und ihrem Verhalten hatte ich das Bild einer zierlichen Schwester im Kopf, und es war gut, dass sie mich gewarnt hatte, sie war unglaublich dick. Ich ließ mir aber nichts anmerken, dachte nur, was für eine liebliche Stimme und was für zarte Hände diese dicke Frau hat. Sie verabschiedete sich von mir und meinte noch, der Prof. habe schon mehrmals nach mir geschaut und würde später noch mal kommen. Ein Arzt fragte mich, ob er jemand benachrichtigen solle. Da A im Krankenhaus lag, und ich ja dringend Nachthemden, Waschzeug etc. brauchte, sagte ich er solle meinen Mann anrufen (mein Exmann, wir waren schon länger getrennt, aber hatten noch guten Kontakt). Was er auch tat, er wolle sobald als möglich vorbei kommen. Etwas später meinte er, mit einem leichten Grinsen im Gesicht: „Gerade hat ihr Verlobter A angerufen, er kommt bald.“ Also hatte A es erfahren.
Die Schwestern auf der Wachstation waren alle sehr nett, bestellten mir Grüße von ihren Kindern, die in der Zeitung von meinem Unfall gelesen hätten, eine brachte mir die BZ von gestern, wo ich auf der Titelseite mit vollen Namen genannt war und mit einer berühmten Tänzerin verglichen wurde, die sich auf diese Weise stranguliert hatte, doch ich konnte nicht richtig sehen, die Augen waren zugeschwollen. Sie wollte es mir gerade vorlesen, da kam der Prof., schnauzte sie an: „Nehmen Sie doch diesen Dreck weg!“ Er sagte mir, es sei alles gut verlaufen, mein Gesicht sei stark geschwollen, deswegen würde ich auch so wenig sehen und ich solle nur zuversichtlich sein, ich hätte großes Glück gehabt, dass der Schal mich nicht erwürgt hätte, außerdem hätte ich Glück gehabt, dass es Winter sei und ich eine dicke Jacke anhatte, ich könnte auch nach ein paar Tagen auf die normale Station verlegt werden. Außer im Gesicht waren die Handrücken völlig offen, beide Knie und am rechten Oberschenkel hatte ich eine 20 cm lange und sehr tiefe Wunde, die aber völlig gefühllos war. Ich war überall verkabelt, doch er sagte, da ich ziemlich stabil wäre, könnten sie mich jetzt abkabeln, auch der Katheder wurde entfernt, doch ich habe es niemals geschafft, auf eine Bettpfanne zu machen und so brachten sie mir einen so genannten „Egon“, ein Stuhl mit einem Pisstopf drunter. Nur am Tropf musste ich bleiben, da ich nicht essen konnte, ich war ja 600 m (hat die Polizei exakt ausgemessen) mit dem Gesicht über den Asphalt geschleift worden, eine Schwester erzählte mir später, dass sie mit feinen Skalpellen sozusagen mein ganzes Gesicht abgeschabt hätten, allein für Lippen und Mundpartie hätten sie 6 Stunden gebraucht.
Durch die als Sichtschutz aufgestellten Trennwände hörte ich wimmern und stöhnen.
Ich weiß nicht mehr, wie die Reihenfolge war, doch es war grässlich. Mein Exmann schaute mich entsetzt an, schimpfte auf Heide, Axel war völlig geschockt, Kolleginnen meinten: „Und Du warst so hübsch.“ Heide saß an meinem Bett und konnte vor lauter Tränen nichts reden. Die Schwester meinte nur: „Die lass ich nicht mehr zu ihnen, da wird ja ihre Heilung behindert.“
Dann kam endlich A, ich sah ihn die Türe vorsichtig öffnen, er hatte einen grünen Kittel an, und seine langen Haare waren unter einer grünen Plastikhaube versteckt. Ich schaute ihm die ganze Zeit in die Augen in Erwartung auf ein Erschrecken, doch er zuckte mit keiner Wimper bei meinem Anblick. Er sagte: Das sieht jetzt schlimm aus, das ganze Gesicht ist ja auch geschwollen, doch das geht alles wieder weg, ich sah schon oft so aus nach Schlägereien. Er erzählte mir, dass eine Freundin von Heide im Krankenhaus angerufen habe und eine Schwester ihm dann kalt mitteilte, dass ich verunglückt sei. Er musste dann noch mal bei Heide anrufen, um zu erfahren, wo ich denn liege. Im Krankenhaus wollten sie ihn natürlich nicht weg lassen, da ja sein Kiefer mit Draht zugebunden war, und falls er kotzen müsste, könnte er ersticken. Er ist dann einfach abgehauen! Als wir uns verabschiedeten, versprach er, jeden Tag zu kommen, so oft sie ihn reinlassen würden. Er winkte noch tapfer an der Tür – viel viel später hat er mir erzählt, dass er es gerade bis vor die Tür geschafft habe, ehe er heulend zusammen gebrochen sei. Ich habe nichts davon gemerkt, war ganz glücklich und zuversichtlich, eine Schwester meinte noch, der kann jeder Zeit kommen.
Ich dachte, wird schon wieder, doch es kam noch schlimmer, noch an diesem Tag…
Ich merke beim Schreiben, dass ich den Unfall nach 30 Jahren immer noch nicht verarbeitet habe, und muss jetzt hier erst mal Schluss machen…