Novemberstimmung

Oktober 23, 2009 at 2:27 (Familie, Gedanken, Liebe, Rückblicke) (, , , , , , , , , , )

Sehr früh von Bohrgeräuschen geweckt worden: ich dreh mir Stoppen in die Ohren, setzte meine Schlafbrille auf, doch der ohrenbetäubende Lärm dringt durch, nach 10 Min. reiß ich mir die Stoppen aus den Ohren und die Brille von der Nase und stelle fest, dass A schon das Handtuch bzw. die Decke geworfen hat – schlaftrunken bereiten wir unser Breakfast. Wir hängen beide unseren Gedanken nach…

Abschied von M (A.s Mutter), A.s Heimatort, A.s Wald:

Die Urnenbeisetzung: vor der abgeschlossenen Kapelle begrüßte uns die junge, moderne Pfafferin, meinte ganz aufgeräumt, jetzt wäre es doch langsam Zeit, mit dieser M Schluss zu machen, nach vorne zu schauen, was A und mich nicht hinderte, am Grab unkontrolliert zu schluchzen, und bildete ich es mir nur ein, die unangenehme Pfarrerin sah uns irgendwie strafend an. Entsetzt schaute ich auf U, A.s Schwägerin, die versuchte den wunderschönen riesigen Gerbererstrauß (M.s Lieblingsblumen), den A morgens noch besorgt hatte und der das Grab schmücken sollte, zu knicken und in das winzige Urnengrab zu quetschen. A.s Bruder R stiefelte, nachdem das Loch von dem versoffenen Totengräber zugeschaufelt war, auf dem Friedhof unruhig hin und her. Wir hielten uns an den Händen, wären am liebsten weggerannt, doch wir schafften es noch mit den beiden im Auto nach Hause zu fahren, verzogen uns sofort in A.s „Kinderzimmer“, ohne viel zu reden zogen wir uns wieder an, nahmen nichts weiter mit außer einem kleinen Joint und liefen los Richtung Wald. Es war kalt und regnerisch (16.12.06), doch das juckte uns wenig, wir hatten heute Morgen kurz entschlossen je zwei [soll man lt. Beipackzettel auf keinen Fall machen: zwei auf einmal] Fentanylpflaster auf Herzgengend und Rücken geklebt (es waren genau noch 4 übrig, die wir eigentlich zurückgeben sollten). Wir spürten keine Temperaturen, saßen sogar lange auf unserem Lieblingsplatz, streiften stundenlang durch unwegsames Gelände, und das wundervollste war, wir redeten beide nicht darüber, erst viel später, wir hatten die gleiche Vision: M war die ganze Zeit bei uns, wir sind ja oft mit ihr durch den Wald gestreift, sogar noch als sie weit über 70 war, und wir hörten sie reden, wie sie immer meckerte, dass wir uns niemals einen vernünftigen Weg suchen würden sondern sogar durch Brennnessel laufen müssten. Es war nicht so als würden wir uns an sie erinnern, nein sie war wirklich anwesend. Sie trug ihren bunten Sommerrock und hatte wie immer die falschen Schuhe an. Sie konnte ja die letzten Wochen nicht mehr aufstehen, wäre so gerne noch mal gelaufen…

Wir kehrten erst bei Dunkelheit und Regen zurück, verzogen uns gleich in das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer wo M die letzten Wochen verbracht hatte – A war die ganze Zeit bei ihr, ich habe in Berlin seine Arbeit beim NABU übernommen, ich wäre viel lieber bei ihm gewesen, doch M hatte es sich so gewünscht. Leider hat A zum Ende hin Angst bekommen (weswegen er sich noch heute Vorwürfe macht, doch er wollte einfach nicht glauben, dass sie schon seit Wochen am Sterben war!) und sie doch noch ins Krankenhaus gebracht, wo sie auf keinen Fall hin wollte, doch er ist auch dort bei ihr geblieben und sie ist in seinen Armen gestorben.

Nach einer Weile öffnete U die Tür und meinte mit vorwurfsvoller Stimme, dass Essen sei angerichtet. Nein, wir wollten nichts essen, was die beiden ärgerte, ihnen aber nicht den Appetit verdarb. Wir wussten damals noch nicht, dass dies auch der Abschied von A.s Kindheits- und Jugendhaus, der Berglandschaft, seinem Wald, den er schon mit seiner ersten Freundin durchstreifte, war. Wir sind nur noch einmal, unter sehr unerfreulichen Umständen, dorthin zurückgekehrt und seitdem nie wieder.

[Doch mit zur Hilfenahme von M war es ein intensiver, würdiger Abschied, der sich tief bei uns eingebrannt hat...]

Geburtstage

Geburtstage feiern finde ich unpassend (außer in der Kindheit), warum sollte man feiern, dem Tod wieder ein Stück näher gekommen zu sein. Jedes Jahr, wenn es auf meinen Geburtstag zugeht werde ich unruhig, mürrisch, unzufrieden!

Mein 53er liegt hinter uns, und verlief wider Erwarten recht beschaulich. Wir haben uns nicht gezankt, ich habe nicht gemotzt, war nicht beleidigt… Ich habe nette Post und Anrufe bekommen. Meine Schwestern bedrängten mich allerdings, wann ich denn nun endlich zu Besuch kommen würde, ich hätte es doch schon für August versprochen…

Wann haben wir uns zuletzt gesehen, letztes Weihnachten zu einem wahnsinnig traurigen Anlass, zur Beerdigung meines Bruders. Ich schütze Sitzungen, Termine etc. pp. vor, doch ich möchte nicht ohne A sein, will nicht einen einzigen Tag ohne ihn verbringen. Ich werde schon unruhig, wenn er alleine mit dem Rad unterwegs ist und es länger dauert als geplant – nach einer gewissen Zeit laufe ich von der Tür zum Fenster und zurück: lausche, schaue, zwinge mich, ihn nicht gleich anzurufen. Heute mussten wir beide lachen, da es nun schon zum wiederholten Male vorgekommen ist, dass ich ihn genau in dem Moment anrief, als er gerade die Wohnungstür aufschließen wollte.

Der November ist für mich so ein Scheißmonat: meine und A’s Mutter sind im November gestorben – und ich beinah!

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