Pfingstsonntag
Wir haben uns letzte Woche etwas übernommen, in keiner Weise berücksichtigt, dass A krank ist, immer weitergeackert, Freitag mit nur kurzen Pausen von 9 Uhr früh bis 3 Uhr früh. Schweren Herzens verzichten wir auf den Karneval der Kulturen, freuen uns aber für die Teilnehmer der Parade, dass das Wetter einigermaßen schön ist. Letztes Jahr war A auch krank, hatte Rückenprobleme, vollgepumpt mit Schmerzmitteln sind wir dennoch hingegangen, doch wir wollen uns heuer nicht dopen. Aber traurig ist es…
Gestern beim Frühstück, völlig fertig, wahrscheinlich habe ich mich schon bei A angesteckt, mit dick geschwollen Augen, Kopf- und Halsschmerzen, Übelkeit – konnte nur mit Mühe mein Müsli runterwürgen, schaute ich so auf unsere Kastanie, die Vögel zwitscherten und ich musste an Jü vom NABU denken, der mal zu mir sagte: du musst unbedingt im April/Mai raus in die Natur, im Juni riecht es nicht mehr und es wird stiller. Ich schaue A an, der auch ganz fertig aussieht, und er sagt zu mir: Nun ist der Mai auch schon wieder gehalten, und wir sind nur am ackern, hoffentlich erleben wir den nächsten Mai noch. Ich könnte sofort losheulen, da es ja möglich ist. Wenn es mir mies geht, bin ich auch immer sehr sentimental und weinerlich, wird schon wieder besser.
Am Donnerstag war ich noch ganz euphorisch, A und Fachleute von BUND, Grüne Liga u. a. treffen sich in der TU zu einem Brainstorming, und erarbeiten ein Konzept, anhand von Fotos unseres Baumgutachters, was ökologisch am LWK machbar ist. K vom BUND lobt die BI und meint: ihr habt ganz schön was erreicht, es gibt ja richtige Umwälzungen im Amt. Ihr könnt mit Recht stolz sein.
Und B, deren Linde nun doch nach 1 ½ Jahren Kampf gefällt werden musste, schreibt in einer Mail: ihr seid die einzigen Menschen, die ich kenne, die so idealistisch sind, alle um mich herum sind total egoistisch, ich ziehe den Hut vor euch! Soviel Lob beschämt uns, ist uns unheimlich… Doch es gibt auch Leute, die uns anfeinden, nur runtermachen, richtig aggressiv sind – unser Engagement passt ihnen nicht, warum auch immer.
Unsere erste wichtige Tat als Vorstand unseres Baumschutzvereins: wir werden eine hochstämmige Linde pflanzen, nicht so einen kleinen Setzling, als „Ersatz“ für die 80jährige superschöne Silberlinde! Auch da werden wir von einem Mitglied des Vereins angefeindet, wäre angeblich nicht mit unserer Satzung vereinbar. Doch da der 5köpfige Vorstand sich einig ist, werden wir das auch durchziehen. Im Herbst ist es soweit, und wir werden es natürlich mit einer richtigen Pflanzparty verbinden – ich freue mich schon drauf, wollte schon immer mal einen Baum pflanzen.
Indien
Indien, mein buntes geliebtes Indien, wie kleinmütig und ungerecht von mir, dich auf deine Armen zu reduzieren. Wie habe ich dich − nicht jede Stelle von dir − lieben gelernt. Deine stolzen, schönen Menschen, die Tiere, deine Götter… Thailand ist dagegen völlig entzaubert, amerikanisiert.
In Indien waren wir körperlich meistens ziemlich runter: dürr und kränklich, aber geistig fit und hellwach!
Nirgendwo sonst war ich so klar und nüchtern oder nüchtern so klar wie in Indien.
Kleine Schritte
Zurzeit denke ich wieder verstärkt an unser Sehnsuchtsland, unser Reiseleben, die wunderbare Unterwasserwelt, die Elefanten, den Dschungel…
Doch ich weiß nicht, ob ich hier einfach alles im Stich lassen und wieder verschwinden kann. Es gibt zu viele angefangene und nicht vollendete Dinge…
Auf Reisen ist mir immer stark aufgefallen, dass eigentlich alle Nationalitäten sich freuen, wenn sie Landsleute treffen − nur die Deutschen nicht, die fliehen einander regelrecht. Wir haben es auch so gehalten, heißt doch eigentlich, man möchte jemand anders sein. Doch wir haben die deutsche Nationalität ja mit Grund verachtet, Nazideutschland ist ja noch zu dicht! Und ich, in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen, hatte z. T. noch Nazi-Lehrer.
Doch je älter ich werde, umso mehr muss ich feststellen, dass man nicht einfach fliehen kann, man nimmt sich und seine Erziehung ja mit.
Und das Elend, die Armut in Indien kann man nicht einfach ausblenden. Ich fühlte mich oft sehr hilflos, wusste nicht wie ich wo helfen könnte. Ich tröstete mich immer damit, dass wir nicht in die Luxushotels gehen sondern in kleine, einfache Hotels oder auch bei einfachen Leuten auf dem Land lebten, nur in Restaurants verkehrten, die auch die Einheimischen sich leisten können. Doch natürlich sind auch das nicht die Ärmsten, denen gibt man so gut wie nichts. Bettlerkinder nahmen wir manchmal mit zum Essen oder kauften ihnen was, doch was nützt das schon. Selbst wenn man sein ganzes Geld verschenken würde, wäre es nur ein Trofpen auf dem heißen Stein.
Da ich in Indien nicht helfen kann, denke ich, es ist besser, um überhaupt etwas zu tun, mich wenigstens hier für den Erhalt unserer Grünflächen einzusetzten, wenn auch alles nur in sehr kleinen Schritten voran geht. Bäume zu retten und damit auch Vögel, Käfer und andere Insekten ist doch sehr wichtig für unsere Lebensqualität, gerade in der dicht besiedelten Stadt und in Anbetracht der immer näher rückenden Klimakatastrophe. Unser Kiez ist mir auch zusehends ans Herz gewachsen − hätte ich früher nicht für möglich gehalten.
Fazit: Wir werden hier weiter kämpfen! Mit Sicherheit werden wir wieder nach Asien reisen, aber nicht mehr für Jahre sondern vielleicht ein paar Monate.