Tiefe Momente
Montag, 09.02.09, 01:26 Uhr
Die tiefen Momente, wenn die Liebe so stark zu spüren ist, dass es weh tut und mir zum Heulen ist, kann ich nicht lange aushalten. Bei dem Gedanken an unsere Liebe, an die Zerbrechlichkeit A.s (ich meine die Zerbrechlichkeit des Menschen überhaupt) und dass wir schon so alt sind, überkommt mich abgrundtiefe Traurigkeit und gleichzeitig ein schmerzhaftes Glücksgefühl: nie nie nie werde ich A verlassen bevor ich sterbe.
Doch der Moment, wo ich die Liebe zu A dermaßen stark gespürt habe, war nicht im Bett sondern als er sich zu mir so traurig aufs Sofa setzte, ganz dicht, seinen Kopf auf meine Schulter legte und ganz zart meinen Ringfinger in seine Hand nahm. So saßen wir lange.
Seit dem Tod meines Bruders diese ständige blöde Angst vorm Krank werden und Sterben, nervt schwer. In meinem Alter erwarte ich etwas mehr Gelassenheit. Ich habe doch gelebt, geliebt, gedacht, geträumt, bin gereist, habe einige Wunder dieser Erde gesehen.
Ich kann mich sehr gut erinnern, wie wir einmal in der Regenzeit in Ibohi/Nordsumatra trotz stürmigem Wetter, sogar die Fischer haben uns gewarnt, ins Meer sind, und fast ertrunken wären. Es herrschte eine unheimlich starke Strömung; wir sind da ja einiges gewöhnt, deswegen bin ich erst mal ganz ruhig geblieben, doch als ich unter Wasser die Strudel sah und merkte, dass die aus der Tiefe nach oben kommenden Strudel mich nach unten zogen, wurde ich leicht panisch. Anfangs versuchte ich noch gegen alle Strömungen in Richtung Land zu schwimmen, doch es war viel zu Kräfte zehrend und ich schaute nur noch, dass ich nicht zu weit von A weggetrieben wurde und den Strudeln möglichst ausweichen konnte, doch wir waren schon 300 m auseinander. Als ich merkte, dass meine Kräfte schon langsam erlahmten, wurde ich ganz ruhig, ließ mich einfach treiben und dachte, du hast doch alles erlebt.
Irgendwie und irgendwann, ich hatte schon alle Hoffnung fahren lassen und die Sonne war schon am untergehen, wurden wir beide an Land geschleudert, doch weit weg von unserer Bleibe, wir waren unterhalb des kleinen Moslemdorfes, ich frage mich noch heute wie wir aus dem kochenden Meer wieder raus gekommen sind. Völlig erschöpft krabbelten wir an Land, kaum noch fähig zu laufen, und wir hatten keine langen Hosen und Shirts an, die wir sonst immer tragen, sondern waren echt nur in Badeanzug und -hose. So mussten wir jetzt durchs Dorf und das erste, was wir zu hören bekamen, mit sehr strenger Stimme: „Nächstes Mal zieht ihr euch vernünftig an, wenn ihr durchs Dorf geht.“ Wir sagten nur ja, waren so glücklich, dass wir noch lebten! Außerdem mussten wir noch packen, da für den nächsten Morgen die Abreise geplant war.
Nun wohnen wir schon so viele Jahre hier in Kreuzberg, in derselben Wohnung, im Zentrum der Türken. Mittlerweile haben die Türken Imbisse, Zeitungsläden, Pizzerias, Eisläden, Bäckereien, Obststände, Cafès, Metzgereien u. m. fest in ihrer Hand, und das ist gut so! Mir ist das sehr angenehm: egal ob ich im Obstladen nur zwei Bananen kaufe, oder um 23 Uhr im Zigarettenladen Zigaretten hole oder gar nachts um 2 in die Bäckerei am Schles. Tor gehe und sehr frischen Kuchen kaufe, ich bin noch nie blöd angemacht worden, klappt immer alles bestens. Ich möchte jedenfalls in Deutschland nirgendwo anders wohnen.

Sherry sagte,
März 5, 2009 um 10:26
Du meine Güte… Gab es noch mehr Situationen, in denen Ihr knapp am Tod vorbeigeschrammt seid?
Ich kenne das Gefühl der tiefen Innigkeit, die man nie ohne Schmerz empfinden kann. Aber Tiefe ist dazu da, um Gefühle – egal welche – eben so ausschöpfend wie möglich in sich einverleiben zu können. Zähl’ Dich also zu den Glücklicheren…
bibbche sagte,
März 6, 2009 um 0:53
Ja, es gab noch mehr solcher Situationen, und jetzt wo Du danach fragst, fällt mir anlässlich eines Traumes wieder unsere erste Begegnung mit Wildelefanten ein. Ich hab’ es bisher kaum jemandem erzählt, werde es jetzt aber aufschreiben!