Novemberblues
Sonntag, 23.11.08, 23:58 Uhr
Vorgestern dachte ich: „Prima, der November geht ja ganz ohne große Depris vorüber!“ Zu früh gefreut; seit gestern bin ich weinerlicher Stimmung und wie das immer so ist, fange ich gleich am Frühstückstisch an A mein Leid zu klagen (obwohl ich ganz genau weiß, wie sehr er das hasst, so kurz nach dem Aufstehen), u. a. erzähle ich ihm auch, dass mich gestern auf der großen Kreuzung am Herrmannplatz fast ein Taxi angefahren hat, weil ich A bei rot blindlinks hinterher gedüst bin. Ich schiebe noch hinterher: „Wenn ich mal angefahren werde, bist du schuld, weil ich immer denke, ich müsste mich beeilen.“ Darauf A.: „Denkst Du auch mal daran, wie viel Zeit ich mit warten verbringe, an jeder verdammten Ampel muss ich auf Dich warten.“ Es ist sicher nicht ganz ernst gemeint, doch ich will es ernst nehmen. Ich bin fassungslos, danach steigert sich meine Stimmung von Verzweiflung bis Aggression, ich bin kurz vorm Ausrasten oder mich selbst verletzten, knalle die Türen, renne hin und her, weiß nicht, wohin mit mir. Schaffe es schließlich, A mit runterzuziehen… Wenigstens werfe ich ihm nicht, wie sonst immer, an den Kopf, er würde mich nicht mehr lieben, das alles keinen Sinn mehr macht u. ä. Nachts wollen wir mit so einer Stimmung, wenn Reden nichts mehr bringt, nicht ins Bett. Legen uns in unbequemer Haltung eng aneinader gepresst aufs schmale Sofa und berühren uns dabei an so vielen Stellen wie möglich − bleiben lange so liegen. Jetzt denke ich nur, wir sehr ich ihn doch liebe.
Nachdem ich gestern noch ein paar Aussetzer hatte, bin ich heute matt, doch die depressive Traurigkeit ist noch da. A tut mir nach so einem Anfall immer total leid, weil ich ihn als Prellbock benutze. Ich kann ihn doch nicht für meine miese Stimmung verantwortlich machen, zumal ich die Gründe selbst nicht wirklich weiß. Beruhigend ist nur, dass es meistens genauso plötzlich wieder verschwindet wie es gekommen ist.
Wütend macht mich auch, dass A das ganze Wochenende arbeitet, nur den Antrag für mich, füllen wir nicht aus. Außerdem müsste noch ein höfliches Anschreiben an den Stadtrat formuliert werden, in dem wir darstellen, warum ausgerechnet ich gefördert werden soll. Letzte Woche wurde mir erst mitgeteilt, dass der Verein den Antrag selbst stellen muss. Seit April hält mich dieser Depp von so einem Maßnahmeträger hin, und nun erfahre ich, dass der Verein den Antrag auf Förderung selbst stellen muss. Verschieben wir auf morgen…
Mein Handy hat den Geist schon vor Wochen aufgegeben; auch das, ein neues Handy kaufen, verschieben wir von Tag zu Tag. Es wundert mich, dass wir endlich Mäuse gekauft haben. Da As Maus den Geist völlig aufgegeben hat, habe ich ihm meine geliehen, da ich ja immerhin noch den Touchscreen am Notebook habe − aber das ist auf Dauer sehr lästig, besonders beim Fotos bearbeiten nervt es. Eine neue Kamera wollen wir auch schon seit Monaten kaufen, haben wir sogar schon rausgesucht, des Weiteren Lederjacken, Jeans, Stiefel, T-Shirts uws. usf.
Spätestens Weihnachten wollten wir verreisen, auch das sehe ich noch nicht. Wir haben uns ja noch nicht mal geeinigt wohin und wie lange, geschweige denn irgendwelche Flüge gebucht − und falls wir weiter weg wollen, unsere Reisepässe sind schon lange abgelaufen.
Unseren persönlichen Kram stellen wir ganz nach hinten, wir müssen uns ja um die Bäume, Grünzuge, Kanäle kümmern. Ja, o.k., ist wichtiger, doch manchmal henkt es mir zum Hals raus, besonders, wenn alle denken, sie könnten die Arbeit bei uns abladen.
Umweltpreis
Mittwoch, 19.11.08, 23:40 Uhr
Als ich meinem Blog startete, fand ich es eine wunderbare Idee, da ich seit meinem 12. Lebensjahr, vielleicht auch früher, Tagebuch führe. Wie schon erwähnt, gefällt mir der Rahmen, und ob es jemand liest, ist mir ziemlich schnurz! Doch so nach und nach fing ich an in anderen Privat-Blogs zu schnüffeln und verschwendete immer mehr Zeit damit. Am Anfang war es ja noch interessant, die Alltagsbanalitäten von Menschen zu lesen, die mir unbekannt sind und die ich auch mit Sicherheit nie kennen lernen würde. Ich war von einigen regelrecht fasziniert und musste schließlich fast täglich nachschauen, ob sie was Neues geschrieben haben. Doch mit der Zeit wird es verdammt langweilig (mein eigenes Geschreibsel würde mich als Außenstehende/r auch nicht sonderlich interessieren), und mittlerweile gibt es vielleicht noch eine Hand voll Blogs, die mich wirklich interessieren, wohlgemerkt, ich rede hier immer von Privat-Blogs. Es gibt ne Fülle ausgezeichneter Naturschutz-, Politik-, Literatur-, Musik- und Bilderblogs. Doch es ist ja auch einfacher, über bestimmte Themen zu schreiben, wenn man die Kenntnisse hat. Doch zu lesen, ob es einem heute wieder schlecht geht oder etwas besser, ob man depressiv ist oder nicht, was man am liebsten isst o. ä., ist doch auf Dauer fast nicht zu ertragen − man fühlt sich richtig klebrig danach.
Jemand mit Talent erkennt man sofort: sie/er kann über die gleichen banalen Dinge so schreiben, dass es interessant und fesselnt ist − kann man aber mit Sicherheit nicht lernen.
Ich könnte ja nun wieder Tagebuch führen oder den Blog halt nicht öffentlich machen, aber nun bleibe ich erst mal dabei, da es auch ein paar Menschen gibt mit denen ich so kommuniziere, aber ich werde mir abgewöhnen, in allen möglichen Blogs zu lesen, nur um mich abzulenken oder zum Zeitvertreib. Da geht es mir genauso, wie mit schlechten Filmen, während ich sie ansehe, geht es noch irgendwie, wenn vielleicht ne attraktive Schauspielerin ne Rolle hat oder so, aber hinterher fühle ich mich total leer im Kopf.
Gestern waren wir anlässlich der Verleihung des Berliner Umweltpreises des BUND im Roten Rathaus. Wir kamen wie meistens etwas verspätet, der Saal war brechend voll, und die Preisträger des 3. Preises in der Katergorie „Kinder und Jugend“ waren schon auf der Bühne, die Umwelttheatergruppe der Malchower „Grundschule im Grünen“, die einzige Schule Deutschlands, die das Fach Umweltlehre fest im Lehrplan hat. Witzige und schlagfertige Kinder und Jugendliche − zum Abschluss durften wir von drei etwa 10 – 12jährigen den Song „Wir sind die Stromfresser“ hören. Richtig gut!
Den 2. Preis in der Kategorie „Wirtschaft und Innovation“ erhielt die Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE für die Sanierung eines Plattenbaus mit 21 Stockwerken und 296 Wohnungen, der nun das größte Niedrigenergiehaus Deutschlands ist.
Auf den 1. Preis in der Katergorie „Umweltengagement“ war ich besonders gespannt, da wir, also unsere Bürgerinitiative, den letztes Jahr gewonnen haben. Dieses Jahr erhielt ihn zu Recht die erste Bürgerinitiative Deutschlands (Bürgerini Lichtenrade-Ost, gegründet 1979, 1981 gründeten sie den dann Trägerverein Lichtenrader Volkspark e.V.), die einen öffentlichen Volkspark aus eigenen Mitteln und Spenden geschaffen hat, nämlich den Lichtenrader Volkspark − und ihn bis heute selbst pflegt. Die Laudatio hielt Katrin Lompscher, eigentlich war Wowereit angesagt, auf den ich schon sehr gespannt war, doch der hat offenbar kurzfristig abgesagt.
Später beim Buffet alte und neue Bekannte getroffen und viele interessante Gespräche geführt, auch mein Lieblingsgrüner kam an unseren Tisch − er ist Mitglied unseres Vereins. Leider haben uns auch weniger interessante oder gar angesoffene Leute aufgehalten und gelangweilt, aber das macht nichts, es war ziemlich ausgewogen. Erstaunlich fand ich, dass ausgerechnet Bürgermeister Köhne A angesprochen hat, sie haben sich lange angeregt unterhalten.
Der Zauberkünstler, der zur allgemeinen Unterhaltung und Belustigung engagiert war, hat mich schwer beeindruckt. Normalerweise interessiert mich so was nicht so sehr, doch dieser war richtig gut. Er hat z. B. meinen Ring weggezaubert, dafür hatte ich seinen in der Hand, und meiner fand sich später an seinem Schlüsselbund wieder. Zum Abschied hat er uns einen Kartentrick verraten und jedem zur Erinnerung eine gezinkte Karte geschenkt. Gegen 23:30 Uhr sind wir mit einem Pärchen aus unserem Verein per Taxi nach Kreuzberg gefahren. Doch, es war ein ganz netter Abend.
Fortsetzung Assam
11.01.99
Gauhati
10:30 Uhr, ein Officer im Touristoffice: die Hütten in Parbitora sind von der Army besetzt, haha! Da könnten sie jetzt gar nichts machen, außerdem könnten wir nur mit polizeilichem Schutz in den Parbitora-Nationalpark. Indische Bullen und schützen − ich lach mich tot!
Wir fahren morgen um 11:15 Uhr nach Tezpur. In der Bank wechseln sie ohne Probleme unseren DM-Check; GPO: Post von A. und U. − leider vergessen wir eine Karte nach Calcutta zu schicken wg. Brief von A. u. U. und so muss A ein 2. Mal zum GPO. Abends noch mal die Straßen abgelatscht, auf der Suche nach sugarfree Vicco (dabei haben wir alles im Gepäck im Schrank im 2. Stock unseres Hotels gebunkert, sind bloß zu faul, alles noch mal auszupaken). Wieder zu Hause packen wir den großen Rucksack zur Hälfte, lesen noch ein bisschen und hören Radio.
12.01.99
Nach fast schlafloser Nacht erheben wir uns gegen 6, absolut elanlos − doch wir haben ja Zeit genug. Um 11:30 Uhr fahren wir in Gauhati los und kommen um 16:30 Uhr in Tezpur an. Die telef. Reservierung für die Touristlodge hat geklappt, und das Zimmer ist halbwegs erträglich. Wir haben keine Lust mehr rauszugehen, begnügen uns mit Cornflakes und Grüntee.
13.01.99
Früh aufgestanden! A. wäscht nach dem Frühstück, ich turne. Nächstes Wunsch-Reiseziel: Orang-Nationalpark: wir fragen hier im Office, einen freundlichen Mann vor unserer Lodge und schließlich im Forest Department Office − jeder erzählt etwas anderes; es scheint wieder mal nichts möglich. Wir sind schon kaum noch enttäuscht, sinds ja mittlerweile gewohnt, trinken erstmal Exiplon: Euphorie und sehr friedliche Stimmung. Abends noch in den Basar, ein bisschen einkaufen − Oats gibt’s keine − mich nervt wieder mal alles und ich bin froh, als wir wieder zu Hause sind. In unserer Lodge ist es ruhig und angenehm, lange gelesen.
Nachtrag: In Assam klappt einfach nichts. Hier in Tezpur weiß auch keiner was und es scheint mit Orang wieder nichts zu werden. Heute haben wir uns nun doch endlich mal wieder „Treibstoff“ gegeben − schwach geworden, aber wir hatten auch einfach zu viele Enttäuschungen. Und − nach sehr langer Zeit − habe ich mich mal wieder geschminkt und supergeil angezogen: es ist einfach lächerlich, wie viel mehr Eindruck man auf die Leute macht. Komischerweise legt man auch selbst ein anderes Verhalten an den Tag.
14.01.99
Today is holiday, och noch. Wir fahren nicht nach Orang − Schluß Aus!
Wir stehen erst gegen 9:00 Uhr auf; nach dem Frühstück holt A. mir heißes Wasser zum Kopfwaschen; nach dem Duschen zur Abwechslung mal ein bisschen Körperpflege, anschließend Wäsche waschen. A. schreibt Geburtstagkarte an U., ich turne…
Der Ausflug zum Bhramaputra endet − wie so oft − in der Open-Air-Toilette; wir gebens auf und suchen einen Fress-Stall (auch das endet im Fiasko). Die Menschen hier erinnern uns stark an Bharatpur (widerlich grinsende Visagen, doch manche sind auch nett); ich bin immer froh, wenn ich wieder in der Lodge bin und die Tür zumachen kann. Der liebste hier ist wieder mal ein Hund (der allerdings auch immer zudringlicher wird) − doch sehr witzig!
Komisch, wie die Hunde (in Indien werden sie meist sehr schlecht behandelt, für die Hindus gehören sie zu den niedrigsten Lebewesen) immer so schnell merken, dass wir anders sind, wie rasch sie Zutrauen haben und dann, wie der Hund hier von der Lodge, auch richtig zudringlich werden.
Abends: So das meiste ist gepackt und morgen früh, zwischen 6 und 7, haun wir ab nach Bhalukpong, direkt an der Grenze zu Arunachal Pradesh „Land der Berge in der Morgenröte“ gelegen (das wir leider nicht besuchen dürfen, ist immer noch off limit, d. h. mit einem Spezialvisa und Umtausch von ich weiß nicht mehr wieviel Dollar am Tag würden sie uns reinlassen). Wir sind sehr gespannt, was uns in Bhalukpong erwartet; obwohl − große Hoffnung haben wir keine mehr.
15.01.99
Um ½ 5 wecken uns die Inder (Wecker ist überflüssig); um kurz vor 5 stehen wir schließlich auf, duschen mit dem eisigen Wasser, packen fertig und gehen um 6 Uhr, in Begleitung des Hundes, der uns zum Abschied zärtlich in die Waden beißt, die kurze Strecke zum Busstand. Der Arunachal-Pradesh-State-Bus kommt erst um 6:30 Uhr und ist schlechter als irgendein Delhi-Stadtbus. A. wuchtet den Rucksack aufs Dach und um 7 geht’s los, hoppeldiehoppel schlechte Straßen bergauf und -ab; um 8:30 Uhr erreichen wir Bhalukpong. A. holt den Rucksack vom Dach und wir gehen zu Fuß zur einzigen Lodge . Sie ist sehr schön am Bhorelli-River gelegen und glücklicherweise werden die Zimmer gerade frei. Wir zahlen gleich für 3 Tage und sind zufrieden: gute Luft, angenehme Umgebung − ob wir in den Dschungel kommen oder nicht − wir bleiben erst mal hier! Nachmittags 1. Gang zum Fluß und in den Dschungel: überall Fußspuren von Elefanten! Hornbills gibts hier auch und wir sehen auch gleich einen, leider hatten wir Deppen keine Ferngläser dabei. Endlich endlich sind wir angekommen… wir sind so froh, nahe beim Fluß und Wald zu wohnen. Nach den letzten Wochen ist es wie eine Belohnung. Überall strahlt und glitzert es, es tut den Augen soo gut.
Heute waren wir endlich alleine im Wald: Urwaldriesen, Elefantenspuren überall… Seit uns mal ein Elefant, dem wir zu dicht auf die Pelle gerückt sind, da A ihn unbedingt fotografieren wollte, nachgejagt ist, und ich gesehen haben, wie wahnsinnig schnell, die sonst doch eher gemächlichen Tiere rennen können, krieg ich immer leichte Panik, wenn ich Spuren von ihnen sehe, obwohl ich mich mittlerweile sehr gut mit ihnen auskenne und genau weiß, wie ich mich verhalten muss. Wir hören das irre Geräusch, das die Hornbills beim Fliegen machen; es läßt sich auch gleich einer gut sichtbar in einem hohen Baum nieder. Ich liebe die Hornbills, die wir bei unserem ersten Aufenthalt im Dschungel (wir waren noch sehr jung und naiv und oft auch bekifft) als fliegende Drachen bezeichneten. Heute morgen, als wir in den Mistbus einstiegen, hatten wir überhaupt keine Hoffnung mehr, wir rechneten mit dem Schlimmsten. Doch wir wurden belohnt für all unsere Mühen und Enttäuschungen. Unser Zimmer ist überaus gemütlich mit separatem Eingang; vom Fenster aus können wir die Berge von Arunachel Pradesh sehen. Der kleine Grenzort hat einen richtigen Market und akzeptable Freßställe, der Bhorelliriver ist in Sichtweite (von der Veranda können wir ihn sehen) und der Wald ist nah und zugänglich. A. erklärt es mit seiner Glückszahl: heute ist der 24. Tag unseres Hierseins! Ich fange auch schon an, an seine Zahlenmacke zu glauben: am 13. wurden wir wieder schwer enttäuscht und genervt. Naja, mit Sicherheit ist alles Zufall, aber es haut halt oft hin.
Rückblick: Assam 1999
Donnerstag, 13.11.08, 01:21 Uhr
Ich weiß nicht, wie es heute dort ist, doch damals war das Reisen recht beschwerlich und wir durften offiziell keinen der Nationalparke, die wir eingeplant hatten, aufsuchen.
03.01.99
Dhubri
Spät abends: Wir haben Dhubri erreicht! Touristen, d. h. ausländische waren hier wohl noch nie: wir mussten uns bei den Bullen registrieren lassen und es war nicht einfach, ein Zimmer im stattlichen Circuithouse zu bekommen (Lodges oder Hotels gibt es gar nicht). Der wirklich unindisch nette und hilfsbereite Mr. Dutta − der auch noch perfekt englisch spricht − hat uns zu irgendsoeinem Fuck-Officer begleitet: ein Anruf von ihm öffnet uns die Türen zum Circuithouse. Es ist sehr schön gelegen, mit Blick zum Bhramaputra, heißes Wasse gibt es auch (doch das Wasser ist braun; ob es wohl direkt aus dem Fluß kommt?). Es kostete uns etwas Zeit, bis sie alles gebracht haben: 2. Kissen, 2. Handtuch, 2. Glas, Glühbirne fürs Bad; u. als wir alles haben gibts kein Wasser: sie haben vergessen, die Pumpe anzustellen! Nun hoffen wir innigst, daß wir gleich morgen ins Chakrashilla Wildlife Sanctuary gelangen. − Der Markt hier ist größer als in Barpeta und wir haben gleich einiges eingekauft.
Der Bhramaputra sieht aus wie das Meer (nur etwas brauner), es ist auch genauso windig. Dhubri ist ganz nett; noch vor verabredeter Zeit erscheint Mr. Dutta wieder (der einzige hier, der vernünftig englisch spricht): es tut ihm furchtbar leid, aber sein Sohn hat angerufen und gesagt, dass wir ein Permit fürs Chakrashilla Wildlife Sancutary brauchen (today Office is closed). So what? – warten. Wir verabreden uns für morgen 9:00 Uhr, er will mit uns zum Forest Department gehen…
Wieder enttäuscht: heute geht nichts mehr, wir müssen morgen erst ein Permit beantragen. Nachts gehen wir runter zum Fluss: riesiger Sternenhimmel, der Mond ist schon angedetscht; der Fluss liegt mächtig und schweigend da, keine Lichter, keine Boote, doch mehrere Delphine gesichtet. Welch großes Glück, dass wir so exklusiv hier im staatlichen Circuithouse (wo nur höhere Beamte Einlass finden) wohnen dürfen − zumal so billig. Das Empfehlungsschreiben von dem Beamten des Tourist-Office in Barpeta Road und Mr. Dutta hatten wohl doch Einfluss. Die Luft ist so gut hier − kaum Verkehr − so dass sich hoffentlich A.s Lungen (er hatte vor kurzem eine Lungenentzündung) erholen können. Leider schaffen wir es immer noch nicht, ganz auf die Zigaretten verzichten.
Die Menschen hier sind sehr erträglich, überhaupt nicht aufdringlich; wenn man bedenkt, dass sie mit ziemlicher Sicherheit noch nie Ausländer gesehen haben. Ärgern tut mich unsere Faulheit, wir hätten ein bisschen mehr Hindi lernen können, wäre hier sehr hilfreich.
04.01.99
Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf, damit wir zur verabredeten Zeit fertig sind. Doch es wird 9:00 Uhr und niemand erscheint − wir packen schon mal − warten bis 10:00, es erscheint keiner. A. ruft bei Dutta an („if anything wrong, give me a call“), doch es gehen nur kichernde Weiber ran; schließlich marschieren wir hin: „Mr. Dutta is not available.“ So gehen wir alleine zum Forest Department: der Wald-Direktor labert in schlechtem Englisch sehr viel Mist, wir kriegen zwar Tee und Kekse, doch das kann uns auch nicht trösten. Endergebnis: wir sollen auf Mr. Dutta jun. warten. Doch merkwürdiger Weise zeigt er uns anhand einer Karte den Weg nach Chakrashilla.
Schwer gefrustet gehen wir zurück zum Circiuthouse, packen wieder aus und warten halt weiter. Abends kriegen wir noch Besuch von einem 24-jährigen Mitglied der Beckon-Group, der noch nie mit Ausländern geredet hat. Er ist sehr aufgeregt, doch sein englisch ganz gut verständlich. Die Menschen hier in Assam haben z. T. viel viel bessere Manieren als in anderen Teilen Indiens. Er verspricht uns, dass wir mit Mr. Duttas (jun.) Hilfe das Permit für Chakrashilla kriegen. Wir sind froh, als er weg ist. Später wenigstens fürstlich gespeist!
05.01.99
Mr. Dutta jun. (den wir in Barpeta Road kennen gelernt haben und der uns von Chakrashilla erzählte, uns überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, dort hin zu wollen) ruft geg. 9:00 Uhr an und schreit ins Telefon, dass er uns überhaupt nichts versprochen hätte, ja uns kaum kennen würde; wahrscheinlich hat er, als er uns von Chakrashilla vorschwärmte, nicht damit gerechnet, dass wir wirklich hierher finden. Wir treffen uns − sinnloser Weise – um 10:00 Uhr mit ihm und Mr. Das (Forestdirektor), um uns sagen zu lassen, dass niemand uns ein Permit für Chakrashilla geben kann. Es sei viel zu gefährlich, wir könnten entführt werden u. d. m. Resigniert fahren wir zum Busstand und finden auch gleich einen Bus nach Bilasipara (11:30 – 13:00) und dürfen dort im PWD-Bungalow wohnen (Hotels oder Lodges gibt’s keine), müssen natürlich vorher wieder bei der Polizei vorsprechen, bekommen dort wieder Tee und Plätzchen und Stempel in unsere Pässe.
Hier sind wir wieder die Popstars: wenn wir rausgehen und irgendwo stehen bleiben, sammeln sich sehr schnell an die 50 Leute; manche folgen uns bis nach Hause und kratzen an unserer Tür. Wir sitzen fest!
Wo sind wir hier gelandet? Wir werden wieder mal angestaunt wie exotische Tiere; bleib ich irgendwo stehen um Pan o. ä. zu kaufen, braucht es keine 2 Minuten bis sich 30-50 Menschen um mich gesammelt haben. Überall wollen sie uns reinziehen, festhalten, bieten uns Tee und Bethelnuß an; klopfen am Abend an unsere Tür, um mit uns zu reden (d. h. die, die englisch sprechen können, die anderen staunen uns nur an). Und nun sitzen wir hier auch noch fest – Strike – die nächsten zwei Tage fahren weder Busse noch Taxis. So können wir morgen die 15 km bis Salkoja mit der Rikshaw zurücklegen – der Versuch Fahrräder zu leihen, ist auch gescheitert. Die Fahrradläden haben nur neue Räder und wollen 250 Rp. pro Stück p. day, mit der Rikshaw kostet es nur 60 Rp. – Mal sehen, was der Tag morgen bringt. Wir sind nicht sehr zuversichtlich, ohne Permit den Chakrashilla- W.-S. zu entern. Hier wäre es wieder absolut nötig, Hindi zu sprechen!
06.01.99
6 Uhr aufstehen, 8:10 sitzen wir auf der Rikshaw nach Salkoja (es ist saukalt und die 15 km kommen mir wie 50 vor); endlich erreichen wir Salkoja, nun sind es ungefähr noch mal 10 km bis Chakrashilla; da es sehr hügelig ist, kommen wir mit der Rikshaw nicht mehr weiter und laufen den Rest. Am Rand des W-S ist ein kleines Office der Beckons Group, wir werden herzlich willkommen geheißen, sie wollen gleich eine Hütte für uns frei machen, Essen kochen, reden, uns in den Dschungel begleiten.
Schließlich schaffen wir es, alle Menschen abzuwimmeln und alleine – nur begleitet von einem sympathischen Hund – das Flussbett hochzukrappeln. Am Eingang des Parks haben wir gleich den „Golden Langur“, der nur hier vorkommt, gesichtet, später noch eine ganze Gruppe. Andere Tiere begegnen uns keine! Die Bevölkerung erinnert uns an die Stämmler im Norden Thailands. Der Hund läuft − in gehörigem Abstand − immer ein Stück voraus, wartet aber wenn wir nicht folgen. Schnell vergeht die Zeit und wir müssen an den Rückweg denken, 2 Typen von der Beckons Group begleiten uns mit Fahrrädern: eigentlich sollten wir jeweils hinten sitzen, doch das behagt uns nicht, so fährt A. schließlich eins mit mir hinten drauf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten klappt es ganz gut und wir sind schon vor 17:00 Uhr in Salkoja. Unser Rikshawfahrer hat brav gewartet und los geht’s bei langsam einsetzender Dunkelheit und Kälte. Wir lassen uns zu unserem Fress-Stall fahren (heute verlangen sie mehr fürs Essen), der Fahrer wollte warten, um uns dann nach Hause zu fahren (er war sehr erfreut über das zusätzliche Trinkgeld), doch wir entlassen ihn und laufen das kurze Stück. Ich fühle mich total krank, wasche mir nur noch Füße, Gesicht und Hände mit glühheißem Wasser und schlüpfe − noch im Pullover − schnell unter die Decken. A. macht uns grünen Tee und hört noch ein bisschen Radio. Wir sind trotz allem froh, dass wir Chakrashilla erreicht haben: der Golden Langur ist wunderschön und wir konnten ihn sehr gut beobachten. Er ist wirklich golden, während die Jungen eher wie die Hanuman-Languren aussehen.
07.01.99
Wir wachen früh auf, doch ich mag gar nicht aufstehen, fühle mich sehr schlecht, die Erkältung ist wieder zurückgekehrt. Erhebe mich schließlich doch, dusche sehr heiß und A. macht erst das Frühstück und bewältigt dann die Dreckwäsche. Danach Besuch vom Brillenonkel und auch andere wollen uns sprechen: A. redet lange mit allen! Mittagessen im neuen Fress-Stall (sehr gut und billig), danach zum Busstand: eine Reservierung von hier ist nicht möglich, wir müssten erst zurück nach Dhubri, dort könnten wir eine bekommen. Wir fahren heim und legen uns hin, schon klopft es wieder an die Tür, eine Aktivistengruppe (10 Mann) wollen uns sprechen; wir vertrösten sie auf abends…doch statt ihrer erscheinen andere Idioten.
Witzig ist es auf dem Basar: überall wo wir stehen bleiben, drängen sich die Menschen dicht an dicht. Ein Bulle versucht sie mit dem Stock zu beeindrucken (wir sind die Prominenz!). Der 2. Gang z. Busstand ist erfolgreich: wir kriegen 2 Plätze für morgen 9:15 Uhr. So ähnlich, wie wir im Moment, müssen sich Popstars oder andere berühmte Leute fühlen: überall wo wir auftauchen sammelt sich sofort eine Menschenmenge, ständig lauern welche vor unserer Tür, wollen uns sehen, fotografieren, mit uns reden. − Morgen geht’s zurück nach Gauhati!
Fortsetzung folgt!
Zu Hause
Samstag, 01.11.08, 00:01 Uhr
Gerade sind wir nach Hause gekommen, waren 3 ½ Stunden bei C, B und G, mit denen wir die Ausstellung für die Planungs-Varianten vorbereitet haben. Wie ich mich jetzt immer freue, wenn wir bei Bekannten oder unterwegs waren − egal wo − wieder in unserer Wohnung zu sein. Wie schön und mollig warm es hier ist und wie wunderbar die Aussicht nach draußen, ungehindert von Gardinen kann ich den Himmel sehen. Wir haben sehr große Fenster, und obwohl mein Schreibtisch an der Tür, also am weitesten vom Fenster entfernt steht, kann ich von meinem Stuhl den Himmel und ganz in der Ferne Bäume und Häuser sehen, in die entgegen gesetzte Richtung kann ich über den Flur in die türlose Küche durchs Fenster zur Kastanie schauen; jetzt, wo sie so langsam alle Blätter verliert, kann man wieder die Leute in ihren Wohnungen beobachten − keiner hat Gardinen und man kann die Menschen deutlich sehen: kochend, am Rechner sitzend oder sogar im Bett liegend. Wenn wir nach jahrelanger Abwesenheit in unsere Wohnung zurückkehrten, musste ich als erstes immer die Gardinen, die Leute, die unsere Wohnung gehütet haben, dachten anbringen zu müssen, entfernen und einiges andere mehr. Ist echt schlimm, wenn andere denken, sie müssten unsere Wohnung in ihrem Sinne verschönern, uns ihren Geschmack aufdrücken wollen. Mir gefällt es bei uns, freien Blick nach draußen, kein überflüssiger Tand und die Unaufgeräumtheit, das kleine Chaos. Es wäre zwar vieles einfacher, wenn wir etwas ordentlicher wären, müssten nicht so viel Zeit mit suchen verbringen, doch es ist uns ziemlich egal. Gerne würde ich mal ausräumen, alles Überflüssige entfernen. Ich liebe große, wenig möblierte Zimmer, nichts ist schlimmer für mich als vollgestopfte Räume, wo man nicht frei laufen, tanzen, Gymnastik machen kann. Heute habe ich sauber gemacht, das heißt aber nicht, dass ich Bücher, Zeitungen, Stifte, Briefe, Notizzettel u. ä. sortiere oder wegräume. Sauber machen heißt halt putzen, saugen und Staub wischen. Schön wäre es mal die Fenster zu putzen, damit man klarer sieht.
Früher wollte ich nie nach Hause, und wenn ich am Wochenende mal aus irgendwelchen Gründen zu Hause bleiben musste, war ich total genervt. Heute freue ich mich immer, wenn wir mehrere Stunden mit anderen zusammen waren, endlich wieder zu Zweit zu sein.