Über die Liebe
Donnerstag, 26.06.08, 13:48 Uhr
Hannah Arendt: Aus „Die Unwiderruflickeit des Getanen und die Macht zu verzeihen“
„Was die Liebenden von der Mitwelt trennt, ist, dass sie weltlos sind, dass die Welt zwischen den Liebenden verbrannt ist. Solange die Liebe währt, ist das einzige Zwischen, durch das die Liebenden, wie die Anderen durch den Zwischenraum der Welt, miteinander verbunden und zugleich voneinander getrennt werden können: das Kind, der Liebe ureigenstes Erzeugnis. In dem Kind, das zwischen ihnen entstand und ihnen gemeinsam ist, meldet sich bereits wieder die Welt; es zeigt an, dass sie in der bestehenden Welt ein neues Weltliches einzuschalten im Begriff stehen. Es ist, als kehrten die Liebenden durch das Kind wieder in die Welt zurück, aus der ihre Liebe sie gleichsam vertrieben hatte. Aber diese Rückkehr in die Welt, obzwar sie das einzig mögliche Ende, jedenfalls das einzig mögliche Happyend einer Liebesgeschichte bildet, ist in gewissem Sinne auch das Ende der Liebe, die entweder die Betroffenen aufs Neue ergreifen oder sich in eine der vielen möglichen Formen der Zusammengehörigkeit umwandeln muss. Die Liebe ist ihrem Wesen nach nicht nur weltlos, sondern sogar weltzerstörend, und daher nicht nur apolitisch, sondern sogar antipolitisch – vermutlich die mächtigste aller antipolitischen Kräfte“