Mit dem Solarboot unterwegs
Mittwoch, 18.06.08, 02:10 Uhr
Nun ist unsere Reise nach Prieros (ein märkisches Dorf mitten im Naturpark Dahme-Heideseen gelegen, umgeben von Dahme, Schmölde und Langem See) schon wieder über eine Woche her und ich bin nicht dazu gekommen, darüber zu berichten. Doch das werde ich jetzt ganz schnell nachholen – unser so genanntes bürgerschaftliches Engagement lässt uns immer weniger Zeit für Privates, und auch jetzt muss A erstmal zwanghaft M über den letzten Stand im Mediationsverfahren berichten.
Samstags sind wir mit der S-Bahn nach Lichtenberg gefahren, haben uns dort mit M (der Freundin von Ar, dem Solarbootfahrer, die wir bisher nur aus Erzählungen kannten) getroffen und sind mit dem Regionalzug, in dem schon D saß, ein längjähriger Freund von Ar, um 15:17 Uhr nach Storkow-Hubertushöhe gefahren; dort hat uns Ar mit dem Solarboot erwartet. Er hatte für drei Wochen einen Job, d. h. er hat Mercedes-Manager zur Entspannung mit dem Boot durch die Gegend gefahren.
Nach kurzem Aufenthalt steigen wir ins Boot, für uns die erste Fahrt mit einem Solarboot, und bis Prieros dauert es ca. 4 Stunden. Die langsame leise Fahrt lässt auch uns an Geschwindigkeit verlieren, die Flusslandschaft ist vielgestaltig und wird immer wilder und einsamer, je näher wir Prieros kommen. Den Wolliner See müssen wir noch durchqueren. Wir werden ruhiger und die Stimmung ist friedlich und relaxed. Reiher, Enten, Schwäne und Kormorane ergreifen nicht die Flucht, wenn wir uns nähern.
A traut sich auch das Steuer zu übernehmen, ich trau mich nicht, nur an den Schleusen übergibt er lieber dem erfahrenen Solarbootfahrer Ar das Ruder.
Das ehemalige Landschulheim, in dem wir übernachten wollen, liegt idyllisch von Bäumen umgeben dicht an der Dahme. Nachdem wir die Zimmer eingenommen haben, gehen wir runter zum Fluss. Es ist schon alles für uns vorbereitet: verschiedene Salate, Brote und zum Grillen mit Schafskäse gefüllte Paprika stehen auf einem Tisch
neben dem Grill am Flussufer. Beleuchtung haben wir von unserem Boot, das jetzt erst mal mit Strom aus der Steckdose gefüttert wird, unser Notebook liefert die Musik. Wir machen’s uns bequem, essen, labern oder gucken einfach auf den Fluss, und zum Nachtisch gibt’s (Überraschung!) einen Joint. Da alle außer uns Frühaufsteher sind, verabschieden sich die anderen bald, und wir gehen mit unserem Notebook ins Zimmer; ich mach noch einen winzigen Joint von Ar’s Ganja. Wir legen uns auf das untere der Stockbetten, löschen das Licht und träumen mit Musik von Tool und Hope Sandoval – wir sind noch sehr lange wach, würden gerne vögeln, doch das Bettzeug hat keine Bezüge und riecht streng, die Stockbetten törnen uns auch nicht gerade an.
Als D uns, wie verabredet, um 8 Uhr weckt, kommt es mir so vor, als hätten wir uns gerade erst hingelegt. Wir sind beide noch sehr müde, doch der Gedanke an den bevorstehenden Tag – wir wollen ja die ganze Strecke bis Berlin mit dem Boot fahren – lässt uns jede Müdigkeit vergessen, und nach dem Frühstück sind wir einigermaßen munter.
Es ist ein wahnsinniges Gefühl, so langsam und geräuschlos durch die Flüsse und Seen zu gleiten, man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Stimmung auf dem Boot ist völlig entspannt, zeitweilig habe ich richtige Glücksgefühle und könnte die Fahrt, die acht Stunden dauert, unendlich ausdehnen. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, es gibt riesige alte Bäume zu bestaunen, und lange Strecken stört nichts das Auge. Zum Glück hat das Boot ein Dach, doch wir kriegen trotzdem reichlich Sonne ab.
Langsam und gemächlich geht es voran, wir lassen die Schnelllebigkeit weit zurück, unterhalten uns auch nur ab und an – es herrscht eine total friedliche Übereinkunft.
Kaum haben wir Berlin erreicht, überstürzt sich alles, an der Bushaltestelle reden wir zwar noch von gemeinsamen Abendessen oder ähnlichem, doch dann kommt der Bus, wir stürzen hinein und A. und ich überlegen, wie wir am schnellsten nach Hause kommen und müssen auch alsbald umsteigen. Hals über Kopf verabschieden wir uns, winken von der Straße noch mal und sind wieder in der Hektik Berlins gefangen.