Erinnerungen…

Februar 9, 2008 at 0:14 (Rückblicke, Sammlung) (, , , )

Freitag, 08.02.08 23:35 Uhr

„Nun weiß ich, was Freiheit ist: Freiheit ist das, was es nicht gibt. Ein Seufzer, eine Idee, ein Absolutes. Wir leben im Konkreten, sehnen uns nach dem Absoluten und enden im Nichts – denn der Tod ist die schreckliche Begegnung, die für das Subjekt ironisch erscheinende Vereinigung von Konkretem und Absolutem. Und Gipfel der Ironie ist, daß dies noch nicht einmal erfahrbar ist für das Subjekt, denn der Tod ist keine Erfahrung.“ Kertész

Gedanken eines nachts in Delhi…
Es ist Mitternacht, draußen ist das laute Klopfen des Stockmanns, der bei jedem Schritt seinen Stock auf das Pflaster stößt, zu hören – mit Unterbrechungen höre ich das seit 20 Jahren. Bis Sonnenaufgang kommt er in regelmäßigem Abstand an unserem Hotel vorbei. Will er eigentlich Gesindel warnen, die Anwohner beruhigen: einer wacht!? In manchen Gegenden im Süden, so z. B. in Mysore strengt er sich die ganze Nacht hindurch an die Bewohner wissen zu lassen, wo er gerade ist, klopft nicht nur auf die Straße sondern schlägt auch gegen Laternenpfosten, Gitter, halt gegen alles, was richtig Lärm macht, hindert einem regelrecht am Schlafen. Es tritt auch keine Gewöhnung ein, so wie bei Autoverkehr oder wenn die Hochbahn vorbei rattert – da der Krach den er macht nicht eintönig ist. Es kann jedesmal wenn er vorbeikommt – so alle Stunde, anderer Lärm sein. Man hat fast den Eindruck, er wolle einen aufwecken. Er gibt sich jedenfalls Mühe. Da ist das Klopfen des Stockmanns hier in Delhi richtig einschläfernd, man gewöhnt sich schnell daran und es ist eher beruhigend ihn zu hören. Ob diese Nachtwächter eines Tages auch zur Vergangenheit gehören? Alles hier ist mir so vertraut wie Gepflogenheiten in D. – ich muss es nicht lieben, nur wieder wachsam beobachten, nicht alles als selbstverständlich hinnehmen!

Auf C: Ruhig daliegen – ohne eine Regung und alle Handlungen ausführen; alles überdeutlich sehen bei geschlossenen Augen und wachem Verstand. Vermischung von Realität und Traum; bei geschlossenen Augen, das Buch fest in den Händen, weiterlesen. Lustig mitanzusehen, wie die Inder hier bauen: auf den schmalen Häusern – oftmals ist der Grundriß nicht größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer bei uns – wird je nach Geld und Zeit noch ein Stockwerk drauf gebaut. Und so entsehen schmale Türme, so dicht gedrängt, daß ich von unserem Balkon aus, mit etwas Anstrengung, das Haus gegenüber berühren kann. Auf den Antennen und herausstehenden Eisenträgern lassen sich die Milane nieder und schauen in die Runde. Unästhetisch finde ich es schon, wie ein Hamster im Rädchen zu leben, um den Verfall des Körpers hinauszuzögern. Delhi ist mir trotz Lärm, Dreck und Gestank, Enge, wimmelnden Menschenmassen, doch etliche Male lieber als Berlin. Kein Inder kann mich so anwidern und ekeln wie viele Deutsche. Nicht, dass ich die Inder liebe, aber ich verachte sie auch nicht. Sie haben mehr Würde und Gelassenheit als unsere Idioten und sehen selbst in ihren schäbigsten Klamotten noch ansprechend aus.

Wasserdurchfall – ich frage mich, wieviel Tage ich bis jetzt in Indien beschwerdefrei war? 5 oder vielleicht gar 10 Tage? Ist das die Zeit, auf die wir uns gefreut haben? Ist dies dein Schicksal oder bist du auch schicksallos? Kertész: „Nur wer ein schweres Schicksal hat, kann etwas erzählen, nicht der, der zwischen Schicksalen wählen kann.“ Gibt es überhaupt eine Wahl? Daran glaube ich nicht; deshalb ist auch jede Auflehnung unfruchtbar. Fühle ich mich nicht hier in meinem Elend doch besser als wenn ich zu irgendwelchen fremden Menschen rennen muss und eine Arbeit (ganz gleich welche) tun muss, die mich nichts angeht? Nie wieder möchte ich meine (bemessene) Zeit anderen Menschen opfern. A. gehört zu mir wie mein Herz, meine Hand, mein Kopf… Was wäre wenn…? Diese Frage möchte ich mir nicht stellen; es ist auch eine unfruchtbare, überflüssige Frage. Die Vergangenheit umzuändern, anders haben wollen hat mich nie interessiert; mich interessiert noch nicht mal wirklich die Zukunft. Die Gegenwart? gibt es die?

Gefühl großer Desillusionierung… wie sagte A.: „Atlantis ist untergegangen, die Jugend ist vorbei…“ Wie damit fertig werden, wie leben können? Hier musst du unendlich hart werden, Kinder nicht als Kinder ansehen, immerzu weggucken und auf die kleinen Paradiese hoffen; aber bis dorthin den Weg durch die Hölle in Kauf nehmen. – Und all die kleinen Leiden! Froh sein, daß es keine großen sind? Es ist schwer, zu akzeptieren, dass das Leben so ist. Hier jedenfalls gibt’s nichts mehr vorzumachen: ich sehe die jungen Touris, die sich abends auf die Straße setzen und das Alltagsleben der Inder wie einen Film betrachten, mit strahlender selbstzufriedener Miene; dann die alternden Jammergestalten (die offenbar längst nicht mehr wissen, wieso sie hierher kommen), in denen ich mich manchmal selbst ein bisschen erkenne…

„Niemals könnte ich eines anderen Menschen Vater sein.“ (Kertész)

Das dass Kind im Leib heranwächst, die Frau mönströs aussehen läßt ist schon schlimm genug, aber daß es dann auch noch unter Schmerzen durch das sensible Geschlechtsorgan heraus gepresst werden muss, finde ich fast schon abartig. Ich glaube, das Sexualleben wird dadurch derber, freudloser…

Ein Traum: Ich war zum Tode verurteilt. Erstaunlich meine relative Gelassenheit und das realistische banale Verhalten der Verwandten. Meine Gefühle: Trauer und Erleichterung; großes Mitgefühl für A., der ja nun mit all dem Schlamassel alleine zurückbleiben muss. Wenig Angst vorm Sterben, lediglich Bedauern, daß ich dies und jenes nicht mehr tun kann. – Ich habe meine Kindheit gehaßt, jedenfalls nicht geliebt, und habe all meine Kraft gebraucht, um mich aus dem Sumpf herauszuwinden und für mich einen Weg zu finden. Niemals wollte ich mich fortpflanzen, da ich gezwungen gewesen wäre, all diesen Schwachsinn (Frohsinn, positive Zuversicht etc.) zu verzapfen, an den ich nicht glauben konnte. Mit mir soll ein Schlußpunkt sein. – Um einem Kind eine bessere Kindheit zu verschaffen, wäre ich zum Lügen gezwungen worden und dies wiederrum hätte mir in meinem geistigen Fortkommen und meiner Selbsterkenntnis schwer geschadet. Für mich ist es ein Abenteuer mich selbst zu entdecken, in mir zu forschen… A.s und meine Uhr haben den gleichen Rhythmus.
Heute auf dem Dach unseres Hotels kindische Freude über die Milane, die zu Hunderten über uns hinwegflogen. Dafür lieben wir die Inder: sie sehen keine Tiere als Schädling an; die Krähen z. B. klauen ihnen täglich notwendige Lebensmittel und sie knallen sie trotzdem nicht ab. Raubvögel gibt es hier in der Großstadt mehr als bei uns Spatzen.

„Ich habe in allem endgültig geirrt, und alles ist bereits zu Ende, ohne daß ich wirklich damit hätte beginnen können: Ich kann also sagen, ich habe ein menschliches Leben gelebt.“

Kertész

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